Rezension: “Radieschen von unten” (kriminell gute Gartenmorde, hg. von Rotraut Schöberl)

Darf ich als Redak­tion­s­mit­glied eine (nicht von uns her­aus­gegebene) Antholo­gie empfehlen, in der ich selb­st mit einem Text vertreten bin? Aber ja, ich darf. Natür­lich unter ein­er Vorbe­din­gung: Ich muss die Texte der anderen so sehr mögen, dass ich die Antholo­gie auch dann hochhal­ten würde, wenn ich selb­st nicht mit­geschrieben hätte. Und das kann ich dann doch mit gutem Gewis­sen behaupten.

Jet­zt muss ich vor­ab geste­hen: Ich habe Kri­mi-Antholo­gien bish­er nicht son­der­lich viel abgewin­nen kön­nen. (Allerd­ings kenne ich nur 4). Ich habe aber auch keinen Garten. Ich habe nicht ein­mal einen grü­nen Dau­men – es sei denn, ich zäh­le die unzäh­li­gen Läuse und Rau­pen und dazu, die es sich auf meinen Rosen und mein­er Kapuzin­erkresse gemütlich machen (hip­per, insek­ten­fre­undlich­er Stadtbalkon!).

Apro­pos Kapuzin­erkresse. Die kann man essen. Zum Beispiel im Radi­eschen­salat. Oder fein gehackt auf dem Radi­eschen­brot …
Mor­den kann man mit der Kapuzin­erkresse allerd­ings nicht. Oder doch? Immer­hin habe ich bis kurzem auch nicht gewusst, dass man mit Erb­sen­suppe mor­den kann. Mit Erb­sen­suppe (ohne jeglichen Zusatz!) kann man tat­säch­lich Leute ins Grab brin­gen. Wussten Sie das? Oder auch mit einem Ohrwaschelka­k­tus (der sich lieber nobel gibt und im Buch als Opun­tie vorstellt). Nicht, dass sein Dorn (nen­nen Sie ihn niemals Stachel!) giftig wäre. Aber er kann lebens­bedrohlich wer­den, wenn … aber lesen Sie selb­st! (»Der Opun­tien­dorn« von Bet­ti­na Balà­ka ist übri­gens meine per­sön­liche Lieblings­geschichte. Die ist näm­lich beson­ders böse.)

Was man in dem Buch noch find­et: Zum Beispiel die Geschichte mit den ewig stre­i­t­en­den Nach­barn und dem dem »Wau, wauwau, wauuuuu«-Hund – der dann lei­der sein Leben lassen muss.
Oder die Geschichte vom Mimosen-Stre­ich­ler (einem wahrhaften Pflanzen­rüpel)!
Und es gibt einen Kater namens Kaf­ka! <3
Und ein blind date.
Und einen Mann, der ein Mäd­chen einsper­ren will, was ihm zum Glück aber nicht gelingt. Einem gut ausse­hen­den Burschen wiederum gelingt es dann lei­der doch, ein Mäd­chen im Park zu Tode zu wür­gen – und damit auch noch davon zu kom­men.
Und dann gibt es diesen mys­ter­iösen blu­ten­den Typen in ein­er Gartenhütte …

Vor allem aber gibt es viel Gift, schwarzen Humor und über­raschende Wen­dun­gen in dieser Antholo­gie. Die Geschicht­en sind alle­samt kurz und dadurch sehr dicht (die meis­ten sind grad mal so lang, dass man 2 Radi­eschen­brote essen kann) und äußerst hin­ter­hältig.
Und ja, ich hab einen Ver­dacht. Ich glaube näm­lich, dass die Geschicht­en deswe­gen so anders sind als in anderen Kri­mi-Antholo­gien (zumin­d­est anders als in jenen 4, die ich kenne), weil die Rotraut Schöberl als Her­aus­ge­berin dahin­ter steckt. Und wenn die Rotraut Schöberl um Geschicht­en anfragt, dann traut Autor*in sich eben doch nicht, irgen­deine alte, nicht so gelun­gene Sto­ry aus der Schublade zu ziehen. 

Für meinen eige­nen Text in “Radi­eschen von unten” kann ich nicht sprechen, den sollen andere beurteilen. Aber eines kann ich dann doch ganz ohne Lug und Trug behaupten: Ich habe jede einzelne Geschichte in diesem Buch genossen. Und was das beson­ders Schöne war: Ich hab sie nicht nur mit Span­nung gele­sen, son­dern vor allem viel gelacht!

(Aber natür­lich bin ich vor­ein­genom­men. Denn allein das Wort »Radi­eschen« löst bei mir ja schon Liebesge­füh­le aus .…)

Empfehlung von Margarita

Radi­eschen von unten
Rotraut Schöberl (Hg.)

Mit Tex­ten von Bet­ti­na Balà­ka, Alex Beer, Agatha Christie, Ann Granger, Sev­erin Groeb­n­er, Mar­gari­ta Kin­st­ner, Ralf Kramp, Tat­jana Kruse, ‑ky, Mar­ti­na Park­er, There­sa Pram­mer, Thomas Raab, Erwin Riedess­er, Eva Ross­mann, Clemen­tine Sko­r­pil, Gabriele Wolff, Peter Zirbs.
Res­i­denz Ver­lag 2022
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