[REZENSION:] Es ist schon fast halb zwölf von Zdenka Becker

Hilde küm­mert sich liebevoll um ihren an Demenz erkrank­ten Mann Karl, mit dem sie 70 Ehe­jahre verbinden. Kurz vor ihrem Umzug ins Alter­sheim bit­tet sie Markus, den Zivil­diener, ihr die Kiste mit den alten Briefen vom Dachbo­den zu brin­gen. Denn Hilde hütet ein Geheim­nis, von dem selb­st Karl nichts weiß – aber an dieses muss sie sich erst langsam her­an­tas­ten …
Zden­ka Beck­er ist passiert, was wohl der Traum viel­er Schriftsteller*innen ist – sie fand tat­säch­lich mehr als 500 Briefe und fast genau­so viele Postkarten auf dem Dachbo­den ihres Haus­es. Aus diesem echt­en Briefverkehr webte sie die Geschichte rund um Hilde und Karl – jen­em Ehep­aar, das während der Kriegs­jahre getren­nt voneinan­der lebt, denn Karl arbeit­et, da er zu Hause keine Arbeit fand, bei den Daim­ler-Werken in Lud­wigs­felde, während Hilde – bis auf eine kurze gemein­same Zeit in Berlin, in der auch ihre Tochter zur Welt kommt – in Fis­chbach bleibt. 

Die Briefe und Postkarten lassen uns Lesende nachvol­lziehen, wie es den bei­den jun­gen Men­schen in den Jahren 1938–1945 geht. Man merkt schon früh, dass Hilde alles andere als begeis­tert von diesem Hitler und seinen Eroberungs­feldzü­gen ist, den­noch fügt sie sich, denn sie möchte eine brave Ehe­frau für ihren Karl sein, der in den ersten Kriegs­jahren noch überzeugter Anhänger des Nation­al­sozial­is­mus ist. 

Doch das Leben in Lud­wigs­felde ist kein leicht­es, Karl arbeit­et viel, ist oft krank und vor allem viel zu dünn. Hilde wiederum muss mit der Schwest­er den heimatlichen Hof bewirtschaften, die Ver­ant­wor­tung für die Land­wirtschaft, die geerbte Bäck­erei und die Kinder wird den bei­den bald zu viel. Als dann auch noch das Holz für den Win­ter aus­ge­ht, nimmt das Schick­sal seinen tragis­chen Lauf …

Je weit­er die Zeit voran­schre­it­et, desto mehr Unaus­ge­sproch­enes schwingt in den Briefen der bei­den Lieben­den mit – vor allem, als Karl nach der Ver­legung der Daim­ler-Werke den Zwangsar­beit­ern aus dem KZ Neckarelz begeg­net. Zden­ka Beck­er hebt diese Fäden behut­sam auf und ergänzt nur sehr behut­sam an eini­gen Stellen. 

„Es ist schon fast halb zwölf“ ist eine unglaublich schöne, zarte und zugle­ich erschüt­ternde Geschichte eines jun­gen Ehep­aares, das voneinan­der getren­nt leben muss, weil die Zeit­en es nicht anders zulassen. Eine Geschichte zweier Men­schen, die bei­de eine Schuld in sich tra­gen. Eine Schuld, die sie ihr ganzes Leben lang belastet und über die sie miteinan­der nie gesprochen haben – aus Angst, einan­der zuviel zuzumuten.

Am Ende stellt sich Hilde der eige­nen Vergangenheit.„Hast du ver­standen, was ich dir ger­ade erzählt habe?“, fragt sie Karl, worauf dieser antwortet: “Ja, immer.“

Empfehlung von Margarita

Autor*in: Zden­ka Becker: 

Titel: Es ist schon fast halb zwölf

Ver­lag: Amalthea, 2022

ISBN: 978–3‑99050–220‑4

Seit­en: 256

Preis: 25,00