[REZENSION:] Die Eistaucher von Kaśka Bryla

.. begin­nt wie ein vor­sichtiger Spazier­gang über dünnes Eis, in das man jäh einbricht.

So der Klap­pen­text hin­ten am Buch. Ver­sprechun­gen wie diese sind immer ein wenig gefährlich, denn sehr oft bleibt der Text hin­ter der Ankündi­gung zurück. Nicht so Kaś­ka Bry­las neuer Roman.

“Die Eis­tauch­er” ist eine vielschichtige, span­nende, ungewöhn­liche und zugle­ich unheim­lich zarte Erzäh­lung, die uns Lesende tief in die Gefüh­le der Han­del­nden ein­tauchen lässt.

Am Beginn ler­nen wir Saša ken­nen. Er betreibt einen Camp­ing­platz am Rande eines Naturschutzge­bi­etes. Und wir erfahren: Auch Iga und Jess sowie der gemein­same Sohn Jakob sind nicht weit.
Und dann sind da noch die blut­leeren, toten Tiere, die seit der Ankun­ft des Frem­den auf­tauchen. Jenes Frem­den, von dem Saša sofort ahnt, dass er Bescheid weiß. Von dem, was geschehen ist. Von dem, an das Saša nicht mehr denken will.
“Manch­mal denke ich dann, dass ich mir das alles nur ein­bilde. Dass nichts davon wirk­lich geschehen ist und Franziska Fell­baum irgend­wo glück­lich mit dem Peter lebt. Und der Jakob schon groß ist. Nicht wie unser Jakob, der noch ein Kind ist.“
Noch wis­sen wir nichts von der Fell­baum. Oder vom Peter. Oder auch von Jakob, dem Sohn der bei­den, Und schon gar nichts wis­sen wir von Iga und Jess. Oder auch von Ras, der nur ein­mal im Jahr kommt.

Bry­la hebt einzelne, hauchdünne Fäden hoch und lässt sie vor unserem inneren Auge schweben. Fäden, die sie erst nach und nach zu einem dicht­en Stoff ver­webt. Dann näm­lich, wenn wir – aus wech­sel­nden Per­spek­tiv­en – die Eis­tauch­er ken­nen­ler­nen, in ein­er Zeit zwanzig Jahre zuvor, in der sie zusam­men­find­en.
Da ist Iga. Die Neue an der katholis­chen Pri­vatschule, math­e­ma­tisch hochbe­gabt jedoch eine heil­lose Schulschwänz­erin; Iga, deren Vater andro­ht, sie (und die Mut­ter, die kaum zu Hause ist, weswe­gen Iga oft lügen muss) nach Polen zu holen.
Und da ist Jess, die Hüb­sche, die so sehr auf ihren Stil achtet und sich im Som­mer unsterblich in die in Frankre­ich lebende Tifenn ver­liebt hat, von der sie schließlich ver­lassen wird.
Und Ras, der eigentlich Rasputin heißt. Ras, der dicke Rothaarige, der sich wie Ikarus fühlt, Schoko­riegel isst und gefun­dene Dinge sam­melt, bis er Gedichte zu schreiben begin­nt. Ras, der von einem Müll­berg begleit­et wird – egal, wohin er geht.
Und dann sind da noch Rilke-Rain­er und der schöne Sebas­t­ian, die gemein­sam mit Jess “Die Avant­garde” bilden – eine Clique, der auch Ras und Iga beitreten und die nach dem Mot­to „Ohne Poe­sie keine Welt“ lebt.
Und natür­lich Franziska Fell­baum. In die alle ein biss­chen verk­nallt sind. Allen voran Iga, die ihre Franzö­sis­chlehrerin an den Mittwochnach­mit­ta­gen im Park­café trifft und sie sog­ar auf ihr Long­board steigen lässt.

Kaś­ka Bry­la ver­webt ihre Hand­lungsstränge so geschickt, dass die über lange Streck­en sehr zarte, behut­same Erzäh­lung gle­ichzeit­ig unge­mein span­nend ist. Man will wis­sen, wie es mit den Jugendlichen weit­erge­ht. Man will wis­sen, was aus Iga und der Fell­baum wird. Und was dieser Fremde weiß. Und ob Ras seinen Müll­haufen jemals wieder los wird … Und was es mit den Tieren auf sich hat.

Ein biss­chen schade fand ich , dass bere­its im Umschlag­text ver­rat­en wurde, dass die Teenag­er Gewalt durch Polizeibeamte beobacht­en. Mit diesem Vor­ab-Wis­sen ging es mir dann ein biss­chen wie mit dem rosa Ele­fan­ten, den ich viel zu früh an jed­er Ecke erwartet habe.

Die Eis­tauch­er” ist die Geschichte ein­er Radikalisierung , aber nicht nur. Allem voran geht es um die Liebe. Nicht nur die ero­tis­che zwis­chen zwei Men­schen, son­dern auch (und vor allem) um die Näch­sten­liebe. Die etwa darin beste­ht, ein fremdes Mäd­chen, dem Unrecht getan wurde, nicht im Schnee liegen zu lassen.

“Seit jen­er Nacht war Iga Teil eines Wolf­s­rudels. Wölfe ließen die Schwäch­sten voraus­laufen. Wölfe mochte sie. Irgend­wann würde sie dort leben, wo es Wölfe gab.

Kaś­ka Bry­la erzählt in ein­er schnörkel­losen, präzisen Sprache und lässt uns während des Lesens mitleben, mitlei­den und mitlieben – und ja, auch mit­spüren, denn die Beschrei­bun­gen sind stel­len­weise hochero­tisch.
Beson­ders schön: Die gen­derg­erechte Sprache – und das ohne auch nur an ein­er einzi­gen Stelle sper­rig zu wirken.
Auch inhaltlich set­zt die Autorin ein schönes Zeichen. Als wäre es längst alltäglich (und selb­st 1996 schon Usus gewe­sen), dass sich zwei Mäd­chen oder auch zwei Jun­gen vor den Augen aller ein­fach so küssen – Kaś­ka Bry­la schreibt es ein­fach. Auch das macht dieses Buch so schön!

Empfehlung von Margarita

Kaś­ka Bry­la: Die Eis­tauch­er
Res­i­denz Ver­lag, 2022
ISBN: 978–3‑7017–1751‑4
315 S., € 24,00